Geldanlage / Private Finanzen

Gerd Kommer 2012: passiver Investmentansatz - Teil 2

Meine Meinung über Gerd Kommers neues Buch "Herleitung und Umsetzung eines passiven Investmentansatzes für Privatanleger in Deutschland", 2. Teil


Nach den positiven Aspekten des Buches im ersten Teil dieser Rezension möchte ich mich jetzt einigen Punkten in dem insgesamt gelungenen Werk widmen, die man durchaus hätte besser machen können.


Als allererstes, das kann ich nicht lassen, muss ich die orthographischen und grammatikalischen Fehler bemängeln. Auch wenn diese im vorliegenden Buch erfreulich unterdurchschnittlich selten sind, so frage ich mich trotzdem, warum es im Zeitalter von automatisierter Rechtschreibungs- und Grammatikprüfung bei einem kommerziell vervielfältigten Schriftstück überhaupt noch notwendig ist, daß Wörter falsch geschrieben sind und teilweise ganze Sätze unvollständig und damit aussagelos dastehen. Aber wie gesagt: in diesem Buch kommt das zum Glück sehr viel weniger oft vor als in so manch anderen Werken. Positiv wollte ich das aber trotzdem nicht bewerten, insbesondere wenn ich berücksichtige, daß ich bei dem gehobenen Preis auch etwas mehr Qualität erwarte.

Um zunächst bei den formalen Kriterien zu bleiben: in diesem Buch fehlen mir eindeutig ein Glossar und ein Index. Manche Begriffe waren mir nicht ganz klar, auch wenn sie sich aus dem Zusammenhang halbwegs sinnvoll ergeben (z. B. "Small Cap Tilt"), und teilweise fällt es mir im Nachgang einfach schwer, bestimmte Stellen zu einigen Themen wieder zu finden. Gerade bei einem Thema mit so vielen Fachbegriffen und der Möglichkeit, einzelne Abschnitte unabhängig voneinander zu verstehen, erscheint mir ein Index eine so naheliegende Idee zu sein, daß ich mich schon ein wenig wundere, warum ein so nützliches Instrument fehlt.

Die unglaublich vielen Fußnoten stören den Lesefluss erheblich. Hätte man sich dabei auf die Literaturverweise beschränkt und die durchaus wertvollen inhaltlichen Ergänzungen besser in den Text einfliesen lassen, wäre das Lesevergüngen vermutlich nochmal etwas größer gewesen.

Zum Inhalt


Bei der Frage, ob aktives oder passives Investieren sinnvoller ist, wird einführend erklärt, daß das Ziel aktiven Investierens notwendigerweise eine Outperformance sei. Daß dieses Ziel nur für eine Minderheit erreichbar ist, wird anschließend gut erklärt. Wer als Ziel aktiven Investierens allerdings ein geringeres Risiko als das des Gesamtmarkts hat, und dabei auch gerne auf etwas Rendite verzichtet, der wird an dieser Stelle keine Antwort darauf finden, warum auch für ihn passives Investieren vermutlich die bessere Idee wäre. Hier wäre eine Erklärung, warum eine risikoadjustierte Outperformance mit der Auswahl vermeintlich risikoärmerer Aktien ebenfalls nicht möglich ist, gut platziert gewesen.

Value Premium


Sehr schwammig fand ich die Erklärungen zum Value-Premium. Value-Aktien sollen riskanter sein als der Durchschnitt aller Aktien, was sich aber nicht anhand der üblichen Risikokennziffern belegen lassen soll. Worin sich dieses Risiko denn nun bemisst, bleibt aber im Dunkeln. Oder habe ich es nur überlesen?

Wirklich schwach fand ich die Argumentation beim Aufbau des Weltportfolios, daß der augenscheinlich hohe Anteil an Value-Aktien (der gesamte Large-Cap-Anteil der entwickelten Märkte wird über Value-Indizes abgebildet) gar nicht so stark sei, weil das gesamte Segment der Small-Cap-Aktien sehr growthlastig implementiert wäre. Mit keinem Wort wird hier erwähnt, was an anderer Stelle im Buch geschrieben steht, nämlich daß der nicht unerhebliche Portfolioanteil der Emerging Markets bereits sehr valuelastig ist. Dadurch ist das Value-Loading im Weltportfolio meines Erachtens deutlich höher als vom Autor an dieser Stelle suggeriert.

Vereinfachungen des Weltportfolios


Mit dem Hinweis, daß es das perfekte Weltportfolio letztlich nicht geben kann, macht der Autor klar, daß das Portfolio durchaus abgewandelt werden kann, zum Beispiel indem man es mehr oder weniger stark vereinfacht, was bei kleineren Anlagebeträgen sinnvoll erscheint. Dazu liefert Kommer sogar ein paar konkrete Vorschläge. Diese sind mit dem Hinweis versehen, daß sie "nahezu beliebig" kombinierbar seien. Was zunächst schön klingt, wirft bei mir aber die Frage auf, welche dieser Vereinfachungen anscheinend nicht kombinierbar sind, warum sie es nicht sind und was passieren würde, wenn ich trotzdem eine solche "unzulässige" Kombination auswählen würde.

Diese gesamte Passage wirkt auf mich viel zu stark verkürzt. So finde ich es auch sehr schade, daß die konkreten Auswirkungen auf die historische Performance und das Risiko dieser Vereinfachungsvorschläge fehlt. Das Buch ist so voll von Zahlen und Tabellen (was ich überwiegend gut finde), daß ich mich wundere, warum hier nicht klar gezeigt wird, wie sich die Herausnahme oder die Zusammenfassung einzelner Assets in der Vergangenheit auf Rendite und Risiko ausgewirkt hätten. Ohne diese Angaben kann man meines Erachtens nicht richtig fundiert entscheiden, ob der (erwartbare) Renditenachteil durch eingesparte Kosten und gewonnene Einfachheit aufgewogen werden dürfte oder nicht.

Rohstoffe


Meine "Lieblingsfrage" wird auch in diesem Buch leider nicht beantwortet, oder zumindest nicht so, daß ich die Antwort in befriedigender Tiefe verstehen würde, nämlich warum Rohstoff-Futeres einen attraktiven Beitrag zum gesamten Rendite-Risiko-Mix des Weltportfolios liefern sollen. Historische Daten scheinen dies ja zu belegen, und ich glaube so langsam auch irgendwie daran, aber ich hätte es schön gefunden, wenn irgendjemand das in einem schlauen Buch mal so erklärt hätte, daß ich es wirklich abschließend verstehe. Gerd Kommer hat mir diesen Gefallen auch mit der vorliegenden Arbeit leider nicht getan.

Fazit


Betrachte ich die Vor- und Nachteile des Buches, so überwiegt eindeutig der positive Effekt, daß ich mich jetzt, nach der Lektüre, schlauer fühle als vorher. Die genannten Schwächen können diesen guten Eindruck nur eingeschränkt schmälern.

Einladung zur Diskussion


Nicht vergessen möchte ich die Tatsache, daß manche dieser Schwächen vielleicht gar keine sind und ich die betroffenen Passagen eventuell einfach nur nicht richtig verstanden habe. Insofern möchte ich diese Kritik gar nicht als absolutistische Wahrheit hinstellen, auch wenn sie sich teilweise vielleicht so liest, sondern vielmehr dazu einladen, mich zu widerlegen.



Rezension, Gerd Kommer 2012: Herleitung und Umsetzung eines passiven Investmentansatzes für Privatanleger in Deutschland. Langfristig anlegen auf wissenschaftlicher Basis.



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Kommentare

Von Markus am 02.12.2012.
Hast Du schon ein anderes Kommer-Buch ("Souverän investieren" oder "Buy-And-Hold-Bibel") gelesen?

Mir erscheint das inhaltlich nur wenig geändert gegenüber dem Vorgänger, den ich interessiert gelesen habe. (49.- finde ich doch arg viel Geld für ein "Update". Oder ist es mehr als das? Bin noch auf der Suche nach einem passenden Buch für Weihnachten - würdest Du es mir (oder ein anderes Buch) empfehlen?)

Für Interessierte:
http://books.google.de/books?id=8pEjneeKERwC&;printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false
und
http://www.amazon.de/Herleitung-Umsetzung-Investmentansatzes-Privatanleger-Deutschland/dp/359339703X/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1354473200&sr=8-2
geben ja schon recht viel des Buches legal wieder.

Von Christoph (URL) am 03.12.2012.
Hallo Markus,
ich habe unter andrem auch "Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs" gelesen, und da gibt es ohne Zweifel sehr viele Überschneidungen. Das neue Buch ("Herleitung und Umsetzung eines passiven Investmentansaztes für Privatanleger in Deutschland") ist etwas tiefgehender und etwas trockener (was ich aber nicht als Nachteil ansehe, weil es sich trotzdem gut liest) geschrieben.
Die Frage, ob sich der Kauf lohnt, kann ich nicht pauschal beantworten. Ich versuche es mal so: wenn es Dir nur darum geht, eine passive Anlagestrategie zu entwicklen und diese umzusetzen, Du also rein ergebnisorientiert handelst, dann dürfte der Kenntnisgewinn minimal sein. Wenn Dich die Materie "als Hobby" tiefgreifender interessiert, dann wirst Du aus dem neuen Buch sehr wahrscheinlich einige neue Erkenntnisse gewinnen können. Vermutlich wird am Ende aber keine andere Anlagestrategie stehen als nach der Lektüre von "Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs".
Aber Vorsicht: das ist jetzt nicht mehr als meine (subjektive) Meinung, die schon alleine deswegen nur sehr vage sein kann, weil ich Dich und Dein Wissen ja nicht kenne.
Viele Grüße, Christoph.

Von Markus am 03.12.2012.
Danke für die Einschätzung, Christoph. Ich denke auch, dass sich meine Anlagestrategie nicht dadurch ändern wird. Vermutlich werde ich wohl auf ein günstigeres gebrauchtes Exemplar warten müssen. Der Preis ist mir das Hobby "Geldanlage" nicht wert. Es wäre ja bei weitem nicht das erste Buch auf dem Bücherregal zu dem Thema.

Von Holger (URL) am 04.12.2012.
Hallo Christoph,

ich teile Deine Einschätzung ja eigentlich, insofern kann ich hier nicht viel diskutieren.

Aber Deinen Verweis auf die Fehler finde ich interessant: Mir sind im neuen Kommer-Buch nicht übermäßig viele aufgefallen (schreibst Du ja auch selbst), aber ich bin auch immer wieder überrascht über die Vielzahl von sprachlichen Ungereimtheiten und auch schlichten Fehlern in Sachbüchern. Am schlimmsten ist das bei Übersetzungen aus dem Englischen (der einzigen Fremdsprache, wo ich das halbwegs beurteilen kann). Da werden plötzlich komplette Passagen völlig unverständlich. Ich erinnere mich an eine Stelle in "Die Weisheit der Vielen", an der die ganze Zeit davon die Rede war, dass Studenten im Rahmen eines Experiments Kugeln aus einem Behälter "abzeichnen" mussten. Glücklicherweise hatte ich darüber schon an anderer Stelle gelesen - es ging natürlich darum, Kugeln zu ziehen (draw). Schon krass. Na ja, aber ich mache selbst ja auch ständig Fehler und veröffentliche diese dann...

Zum Value-Premium: Ja, halte ich auch für einen Schwachpunkt. Aber ich habe auch anderswo noch keine mir einleuchtende Erklärung gefunden, die zur Überlegenheit passiven Investierens passt. Ich hatte ja auch schon mal darüber geschrieben:

http://der-privatanleger.de/entry/409/woher-kommt-das-value-premium

Und gerade dieses offenbar weit verbreitete Drei-Faktoren-Modell von French und Fama klingt für einen mathematisch ungebildeten Menschen wie mich so ohne weitere Begründung erst mal nach gehobenem Schwachsinn, ehrlich gesagt:

http://www.bogleheads.org/wiki/Fama_and_French_Three-Factor_Model

Von Christoph (URL) am 11.12.2012.
Hallo Holger,
ehrlich gesagt, die Mathematik hinter dem Dreifaktorenmodell schreckt mich schon im Ansatz ab. Bislang habe ich noch gar nicht ernsthaft versucht, das zu verstehen. Trotzdem finde ich den Ansatz interessant, Renditen zum Teil über Faktorprämien zu erklären, weil ich grundsätzlich schon daran glaube, daß sich zusätzliche Renditen durch zusätzliche Risiken erklären lassen sollten.

Schade ist nur, daß Gerd Kommer diesen Überlegungen nicht mehr Platz einräumt - warum auch immer er sich so entschieden hat.

Interessieren würde mich übrigens noch, ob Du mir in meinem Kritikpunkt zustimmst, daß Gerd Kommer mit dem Maß an "Value Loading" ziemlich rumschlingert, weil er an einer Stelle davon ausgeht, daß Emerging Markets schon sehr valuelastig sind, und diese Erkenntnis dann bei der Konstruktion des Portfolios ignoriert. Da habe ich schon den Eindruck, daß das nicht so recht passt, was er da schreibt. Und Du?

Viele Grüße, Christoph

Von Holger (URL) am 23.12.2012.
Hallo Christoph,

das hat nun gedauert. Ich wollte erst nachlesen, habe das Nachlesen aber ständig verschoben. ;-)

Erst mal zu den Faktorprämien: Ja, ich bin auch sehr offen dafür, neue Risikofaktoren kennenzulernen, die helfen können, die höhere Rendite von Value-Aktien zu erklären. Aber ich bin mir nicht sicher ob "Value" als Risikofaktor geeignet ist. Schließlich ist das eher eine Bezeichnung für eine Ansammlung verschiedener Eigenschaften. Insolvenzrisiko, Gewinnrückgangsrisiko, politisches Risiko - das wären alles Dinge, die ich als Risikofaktoren evtl. akzeptieren könnte. Aber zu sagen, dass Value-Aktien deshalb outperformen, weil der Risikofaktor Value stark ausgeprägt ist, klingt für mich doch arg tautologisch. Ich will mich gar nicht zu harter Kritik an French und Fama versteigen - schließlich verstehe ich nicht mal ansatzweise, was die da tun. Aber ich habe den Verdacht, dass sie etwas, das sie nicht erklären konnten, einfach in ein schickes Modell gepackt haben, um es loszuwerden.

Zu Kommer: Ich bin mir nicht sicher, ob ich alle Stellen gefunden habe, auf die Du Dich beziehst. Aber ich würde sagen: Ja, er schlingert. Das wundert mich vor allem deshalb, weil er sich ja augenscheinlich bewusst für ein gewisses Value-Loading entscheidet und anschließend alles tut, um diese Portfolio-Ausrichtung wortreich zu relativieren. Merkwürdig.

Grundsätzlich, denke ich, gehen die Vorteile des Value-Loading nicht klar aus seiner Argumentation hervor. Es handelt sich offenbar eher eine um Spekulation auf eine Markt-Ineffizienz mit dem Risiko, dass das Portfolio-Risiko höher ist als erwünscht, wenn der Markt doch effizent ist.

Und was die Emerging Markets angeht: Ich habe gelesen, dass ein Value-Effekt auch in den EM nachweisbar ist (S. 168) und dass EM-Aktien tendenziell geringere Marktkapitalisierungen und geringere BtM-Ratios aufweisen (S. 170). Beides keine besonders starken Aussagen m. E. Oder gibt es noch eine andere Stelle, an der beschrieben wird, dass EM-Aktien "sehr" valuelastig sind? Die Stelle auf S. 170 würde lediglich dafür sprechen, dass EM-Aktien leicht höhere Size- und Value-Prämien bieten, denke ich.

Und: Schöne Weihnachten!

Von BigJim am 10.02.2014.
Moin,

wer sich in dem Maße über die "Fehlerteufel" in dem Buch beschwert sollte es zumindest selbst besser machen! Allein der kurze Absatz zum Thema "Rohstoffe" strotzt nur so von Fehlern.

Danke

Von Christoph (URL) am 10.02.2014.
Hallo BigJim,
das stimmt, fehlerfrei ist dieser Blog ganz sicher nicht. Aber Dank Deines Kommentars hat er jetzt zwei Fehler weniger (die habe ich eben korrigiert).


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